Warum klimaneutral zu spät ist, uns CO2-Kompensation beunruhigen sollte und die Klimatransformation eine echte Null fordert.

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Mitte der 2000er war Klimaneutralität die neue Lösung. Angestoßen durch das Treibhausgas-Handelssystem des Kyoto-Protokolls (1997), wirkte der Emissionsausgleich durch CO2e-Zertifikate wie die logische, wirtschaftlich wirksamste Maßnahme in einem preisgetriebenen Markt. Die Übergangsphase auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft schien so realistisch umsetzbar und zum Greifen nahe klimaneutral. Doch diese Welt ist heute immer noch weit entfernt und das Zeitfenster denkbar klein. Heute ist klar: Wir müssen die CO2e-Emissionen auf absolut Null senken, nicht nur auf netto Null. Wo liegt allerdings der Unterschied?

Das Konzept Klimaneutralität stößt an Grenzen

Das Konzept der Klimaneutralität sieht vor, dass erzeugte Emissionen durch Klimaschutzmaßnahmen an anderer Stelle als dem Erzeugungsort ausgeglichen werden können. Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt allerdings davor, dass dieses System zu paradoxen Produktkategorien wie „sauberem Kraftstoff aus Diesel oder Kohle“ geführt hat. Ihrer Meinung nach kann „Klimaneutralität“ dazu genutzt werden, um umweltschädliche Richtlinien grün anzufärben. Im Bezug auf Energieerzeugung weist sie daher darauf hin, dass Kohle, Erdgas sowie auch Kernenergie auslaufen müssen, um tatsächlich Treibhausgase drastisch zu reduzieren. Stattdessen müsste Gesellschaft und Wirtschaft auf 100% erneuerbare Energiequellen wie Wind, Sonne, Wasser und Geothermie umsteigen. Was heißt das aber für Unternehmen, ist das Ziel der Klimaneutralität zu kurz gedacht?  

Klimaziele sind noch keine CO2e-Reduktion

2020 war das Jahr der Klimaziele. Ein internationaler Konzern nach dem anderen verkündete mittel- bis langfristig klimaneutral zu werden. Gleichzeitig stieg der Druck, sich echte Reduktionsziele aufzuerlegen und umzusetzen. Die Science-Based Target Initiative registriert heute mehr als 1000 Unternehmen, deren Ziele mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbar sind. Wie aber die Reduktionsmaßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette integriert werden können, wo durchschnittlich mehr als 80% der Emissionen entstehen, ist häufig unklar.

Reduktion der Emissionen zur Eindämmung des Klimawandels

Dabei ist die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung des Klimawandels auf dem Papier einfach: Reduktion der Treibhausgasemissionen, die ihn verursachen. Der starre Fokus auf Klimaneutralität lenkt hier allerdings ab. Sprechen wir ausschließlich über das Erreichen von „Netto-Null“-Emissionen (anstelle von einer echten Null), diskutieren wir hauptsächlich über die Gestaltung von Emissionshandelsmärkten oder über die Abschneidung von Kohlenstoff, zum Beispiel im Bereich der Energieerzeugung. Dr. Jonathan Foley, Director des Drawdown Project, merkt dazu kritisch an, dass besonders auch Investor*innen, Geschäftsführer*innen und Regierungschef*innen verstärkt hiervon sprechen. Diese Gespräche machen ihn allerdings nervös und sollten uns ebenso ins Grübeln bringen. Vieles davon zeigt ein tiefes Missverständnis der Klimakrise und was wir tatsächlich tun müssen, um ihr effektiv zu begegnen.

Vorteile von CO2-Kompensation

Ja, Forschung zeigt, dass eine begrenzte CO2e-Kompensationen nützlich ist. Gut gemacht, kann sie dazu beitragen, finanzielle Anreize zu schaffen, um heute weltweit Emissionen zu vermeiden und zu reduzieren. Besonders zertifizierte Naturschutzprojekte können finanziell unterstützt, Entwaldung vermieden und biologische Vielfalt geschützt werden. Wichtig ist allerdings sich daran zu erinnern, dass die Natur, vor allem in Wäldern und im Meer, bereits jedes Jahr ~ 41% unserer Treibhausgase kostenlos aufnehmen. Diese natürlichen Emissionssenken müssen wir weiterhin erhalten und schützen. Langfristig kann CO2-Kompensation auch künstliche Kohlenstoffspeicherung unterstützen, um Emissionen einiger schwer zu dekarbonisierender Produkte wie Stahl, Zement, Kunststoff und Düsentreibstoff auszugleichen.

Nachteile von CO2-Kompensation

Schlecht gemacht, können CO2-Kompensationen jedoch eine große Ablenkung sein, die zu Verzögerungen bei bedeutenden Klimaschutzmaßnahmen führt und uns von der wesentlichen Arbeit ablenkt, Emissionen auf eine echte Null zu bringen. Am kritischten ist, dass sie von umweltverschmutzenden Industrien verwendet werden können, um den Eindruck zu erwecken, dass sie am Klimawandel arbeiten, ohne ihre Emissionen tatsächlich zu reduzieren. Dies wäre eine Ablenkung, die wir uns nicht leisten können. Insbesondere die Vorstellung, dass Unternehmen für fossile Brennstoffe oder große landwirtschaftliche Emittenten Offsetting verwenden können, um „Netto-Null“ zu erreichen, ist laut Foley absurd.

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe für Strom, Transport, Heizung oder Industrie ist so groß, dass sie nicht einfach „ausgeglichen“ werden kann (Abbildung 1, Dr. Jonathan Foley 2021). Auch die riesigen landwirtschaftlichen Emissionen aus Entwaldung, Viehzucht oder starkem Düngerverbrauch können nicht berücksichtigt werden. Diese Emissionen müssen durch Best-Practices, die wir heute bereits kennen, so schnell wie möglich ersetzt werden. Offsetting hilft hier nicht weiter.

Die Klimatransformation fordert eine echte Null

Wofür steht also die Klimatransformation? Die Klimaforschung ist sich einig, eine Erderwärmung über 2°C führt zu extremen Wetterbedingungen, die Wirtschaft, Gesundheit und Natur dramatisch bedrohen werden. Aktuell werden wir voraussichtlich 2030 diese physikalische Grenze erreichen. Durch das Pariser Klimaabkommen haben sich bereits 2015 die Vereinten Nationen darauf geeinigt diese Zukunft nicht wahr werden zu lassen. Dafür heißt es jetzt anpacken! Der Weg ist klar: Reduktion vor Kompensation, Best-Practices zuerst und  parallel Erneuerbare, Infrastruktur und CO2e-Speicherung auf den Weg bringen.

Gemeinsam setzen wir auf echte Veränderung

In weniger als 2 Geschäftszyklen werden wir eine ganze Wirtschaft transformieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln, die regenerativ für Mensch, Natur und Wirtschaft wirken. Dafür wird die UN Klimakonferenz COP26 im November in Glasgow hoffentlich eine Ära des echten Klimaschutzes einleiten. Die Wirtschaft ist allerdings schon heute oft weiter als die Politik. Viele Unternehmen erkennen, dass klimarelevante Modelle ihre Zukunft sichern und gleichzeitig schwerwiegende Risiken bereits in den nächsten 5 Jahren reduzieren werden. Die Klimatransformation setzt daher auf echte Veränderung, tiefgreifendes Verständnis der nötigen Reduktionsmaßnahmen und industrieübergreifende Kollaboration, um schnell ins Handeln zu kommen.

Beim #CTS2021 werden Unternehmen zu Climate Champions

Wir freuen uns darauf beim Climate Transformation Summit #CTS2021 mit Climate Champions, Klimabeauftragten und Entscheider*innen darüber zu sprechen, welche Chancen und Herausforderungen ihnen bei der Transformation begegnen. Gemeinsam tauschen wir in interaktiven Panels Best-Practices aus, lernen konkrete Klimalösungen in einer online Messe kennen und setzten am Tag danach die neunen Erkenntnisse als CLIMATE Community um. Als KeyNote Speaker ist bereits Dr. Jonathan Foley dabei! Dein Early-Bird Ticket erhältst Du jetzt noch auf ClimateSummit.de.