Reduziert deine Firma wirklich CO2? Der entscheidende Unterschied zwischen Offsetting und Insetting.

Wir alle kennen Offsetting als die Lösung, um vermeidlich schnell und einfach klimaneutral zu werden. Egal ob Produkt, Service oder ganze Firma – die Klimaschutzprojekte des globalen Südens bieten CO2-Ausgleich dort, wo er günstig und effizient umgesetzt werden kann. 2019 fand dieser Trend seine erste Hochphase, als über 100 internationale Firmen weltweit verkündeten ihre Klimatransformation zu starten. Darunter auch Monsanto, Coca-Cola und VW. Das lässt einen stutzig werden. Wie schaffen es Großkonzerne ihre Emissionen zu reduzieren und in kurzer Zeit klimaneutral zu werden? Der suspekte Hauch von „Ablasshandel durch Offsetting-Projekte“ liegt in der Luft.

Hilft Offsetting der CO2-Reduktion?

Um klimaneutral zu werden, empfiehlt die UN die folgenden Schritte zu durchlaufen: CO2 messen, reduzieren und anschließend nicht vermeidbare Emissionen ausgleichen. Die Messung ermöglichen heute viele Beratungsunternehmen und Software-Tools, die Reduktion und der Ausgleich, erfolgt oft durch die selben Anbieter, werfen hingegen noch einige Fragen auf. Die Science-Based-Target Initiative gibt Unternehmen Guidelines an die Hand und empfiehlt wissenschaftsbasierte Klimaziele, um konsequent CO2 einzusparen. So z.B. durch die Umstellung auf 100% Ökostrom, klimarelevante Gebäudeanpassungen, elektrische Antriebe in der Mobilität, CO2-arme Prozesse in der Industrie und der deutliche Ausbau von Recycling und Cradle2Cradle-Design. Von Offsetting hört man hier nichts. Bewusst, denn ein „Emissions-Ausgleich“ wird nicht als Reduktionsmaßnahme anerkannt.

Warum ist Offsetting kein wissenschaftsbasiertes Reduktionsziel?

Offsetting meint, dass Unternehmen ihre errechneten CO2-Emissionen durch Klimaprojekte ausgleichen. Diese sind vielfältig und, wenn seriös, durch führende AnbieterInnen zertifiziert. Ihr Einfluss auf das Klima wird also international anerkannt, wenn auch kritisch hinterfragt und ständig überprüft. Was dem Prinzip des Offsettings fehlt, ist die Betrachtung der eigenen Emissionen. Der CO2-Ausgleich erfolgt durch Offsetting an einem anderen Ort und verändert zunächst nicht die eigenen Emissionen, die durch die Nutzung von Energie (Scope 1 und 2) oder den Bezug von Waren und Leistungen (Scope 3) entstehen. Als freiwillige Klimamaßnahme ist Offsetting daher ein beliebter und valider erster Schritt, um die eigenen Klimaziele im Unternehmen sichtbar und deutlich spürbar zu machen. Die CO2-Reduktion als solche muss allerdings umfangreicher gedacht werden.

Insetting steht für CO2-Reduktion in der eigenen Lieferkette

Entscheidend ist der Ort der „Ausgleichsmaßnahme“. Während Offsetting-Projekte einen scheinbar beliebigen Wirkungsort haben und den CO2-Ausgleich häufig zu einem möglichst günstigen Preis abbilden, bietet Insetting die Chance Klimaschutz in der eigenen Lieferkette umzusetzen und einen positiven Einfluss auf umfangreiche Nachhaltigkeitsziele zu erzeugen. Diese Chance kommt mit besonderen Herausforderung, da die meisten CO2-Emissionen und sozialen Problemstellungen entlang der Wertschöpfungskette entstehen. Gleichzeitig gilt deshalb auch: hier liegt das größte Potential zur vollständigen Klimatransformation.

Wie setzt man Insetting um?

Schon 2015 titelte Forbes: Vergesst Offsetting, Insetting ist die Zukunft! Diese Zukunft scheint aber erst jetzt skalierbar umgesetzt zu werden. Bis heute fehlt eine klare Definition von „Insetting-Projekten“ – auch da die CO2-Reduktion in Scope 3 (entlang der eigen Lieferkette) komplex ist. Insetting zielt nicht nur auf Baumpflanzprojekte oder erneuerbare Energie, sondern auch auf den konkreten Wandel gängiger Prozessschritte und Handlungen, um beispielsweise die lokale Biodiversität, Wassereinsparung oder Recyclingfähigkeit von Produkten zu steigern. Neben CO2 als Messungsfaktor, fließen hier ebenfalls Messgrößen des Corporate Social Responsibility-Ansatzes ein. Insetting beansprucht also einen ganzheitlichen Zugang zu gesamten Ökosystemen, Gesellschaften und lokalen Wirtschafsstrukturen.

Was spricht für und gegen Insetting?

Chance

  1. Insetting hat gegenüber Offsetting den Vorteil, dass es Scope 3 berücksichtig
  2. Neben CO2-Emissionen werden ganzheitliche Faktoren in Betracht gezogen
  3. Die eigene Lieferkette wird resilienter, qualitativ verbessert und langfristig kostengünstiger

Limit

  1. Scope 1 und 2, also die Emissionen, die direkt durch ein Unternehmen entstehen, werden in der Regel nicht verändert
  2. Die Komplexität erzeugt eine vergleichsweise hohe Bearbeitungs-, Recherche- und Investitionsbereitschaft
  3. Die Integration von zahlreichen StakeholderInnen benötigt Zeit und Ressourcen

Ist Insetting heute schon machbar oder noch Zukunftsvision?

Insetting-Maßnahmen sind für jedes produzierende Unternehmen ein sehr relevanter Weg, um den eigenen Einfluss auf das Klima, die Umwelt und Menschen zu verbessern. Klimaneutralität per Definition wird durch Insetting alleine allerdings nicht erreicht. Offsetting als freiwillige Klimaschutzmaßnahme dient zunächst dazu Emissionen auszugleichen, während Insetting das Problem an der Wurzel anpackt und zu wandeln versucht. Dabei gilt: Ein Schritt nach dem anderen. CO2-Reduktion muss der klare Fokus sein, dann ergeben sich Offsetting- und Insetting-Maßnahmen logisch folgend.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie in Scope 1 und 2 wird weder als Offsetting noch Insetting bezeichnet. Hier werden Emissionen effektiv reduziert. Gleiches gilt für Vermeidung von Müll- und Wasserverbrauch im Büro. Offsetting hilft aber sich global zu engagieren und Klimamaßnahmen zu unterstützen und so die eigene Aufmerksamkeit auf komplexe Herausforderungen zu lenken. Diese Herausforderungen können dann durch gut strukturierte Insetting-Projekte angegangen werden. Offsetting und Insetting können also ergänzend in einer umfangreichen CO2-Reduktionsstrategie verwendet werden.

Gibt es Beispiele für erfolgreich umgesetztes Insetting?

Burberry gab im Februar 2020 bekannt, dass die Marke einen „Regeneration Fund“ eingerichtet hat, um CO2-Emissionen in der eigenen Lieferkette zu reduzieren. Gemeinsam mit seinen WollproduzentInnen in Australien, plant Burberry regenerative Anbaumethoden zu entwickeln und umzusetzen. Diese sollen die Kohlenstoffabscheidung in Böden, die Gesundheit von Wassereinzugsgebieten und die biologische Vielfalt der Lebensräume fördern.

Ben und Jerry finanzieren das Rwenzori-Projekt in Uganda, das kleinen Vanillebauern beim Bau von Agroforstsystemen unterstützt, um ihre Produktion zu diversifizieren. Dazu wurden in und um die Vanille-Parzellen 100.000 einheimische Bäume gepflanzt, welche Schatten spenden und den Bauern ermöglichen ihr Einkommen zu erweitern.

Nespresso hat über einen Zeitraum von 5 Jahren 600$ Millionen in 10 Millionen Bäume investiert. In Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden pflanzt Nespresso einheimische Baumarten und beauftragt Landwirte und Gemeindemitglieder mit der Pflanzung für diese Initiative.

Was sind die ersten Schritte in Richtung CO2-Reduktion, Offsetting und Insetting?

  1. Die Messung der eigenen CO2-Emissionen entlang der Lieferkette ist immer der erste Schritt, um Emissionsquellen zu verstehen und Reduktionspotentiale zu erfassen.
  2. Reduktionsziele können sich an den 7 Climate Impact Kategorien orientieren und sollten konkrete Maßnahmen in einem festgelegten Zeitraum aufzeigen.
  3. Offsetting-Möglichkeiten sind vielfältig und können heute nach eigenen Präferenzen zu einem fairen Preis (ab 10€ die Tonne CO2) freiwillig eingesetzt werden.
  4. Insetting-Projekte benötigen langfristiges Engagement und sollten in einer umfassenden Klimastrategie, insbesondere im produzierenden nicht fehlen.

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Warum kostet eine Tonne CO2 einmal 3€ und dann 1.000€?

Die Irrungen und Wirrungen des CO2-Kompensationsmarktes. Reduzieren kostet Zeit und Einsatz, rettet aber unser Klima.

Klimaneutralität und CO2-Offsetting gehen momentan Hand-in-Hand. Die vermeintlich einfache Lösung für das erschlagende Problem Klimawandel ist einfach zu verlockend. Trotzdem bleibt das schleichende Gefühl, dass das nicht alles sein kann. Und tatsächlich vertritt kaum eine AnbieterIn von CO2-Zertifikaten die Meinung, dass Offsetting alleine DIE Lösung ist – sondern einfach ein erster Schritt für freiwilligen Umweltschutz. Unternehmen wie Privatpersonen können durch die Berechnung ihres “CO2-Fußabdruckes” erstmals ihre Emissionen greifbar machen, nachvollziehen und in Angriff nehmen. Die Preise der Kompensationsmaßnahmen wirken dann allerdings fast willkürlich oder zumindest unübersichtlich. 

CO2-Zertifikate

Mache Projekte zeigen pro t CO2 einen Preis von gerade einmal 3€, andere wiederum 25€ oder sogar 1000€ pro t CO2. Warum ist das so? CO2-Zertifikate werden für zertifizierte, validierte und regelmäßig überprüfte Projekte ausgegeben, die durch die Vorgaben des Kyoto-Protokolls zum Handel von Emissionen erlaubt sind. Diese Projekte befinden sich in “Entwicklungsländern” und erlauben den lokalen Akteuren ihre Umweltschutzmaßnahmen ökonomisch abgesichert zu betreiben. Beispiele sind Solar-, Wind-, Wasserkraft- oder Biogasanlagen sowie Solaröfen oder Landwirtschaftsinnovationen. All diese Projekte benötigen unterschiedlich viel Betreuung, sodass Overhead und Verwaltungskosten variieren können. Die Wirkung und Risiken der Maßnahmen unterscheiden sich ebenfalls.

Die Auswahl und Entscheidung für ein Offsetting-Projekt ist deshalb oft nicht eindeutig. Grundsätzlich gilt daher, Seriosität und Transparenz der AnbieterIn ist am wichtigsten! Persönliche Präferenz für eine Maßnahme sollte ebenfalls bedacht werden. 

Reale CO2-Schadenskosten

Hinzu kommt allerdings die Berücksichtigung der wahren “Schadenskosten” einer t CO2. Abgesehen vom Preis der CO2-Zertifikate bestehender Projekte auf dem Markt, sind die Kosten der Schäden einer t CO2 durchaus messbar und liegen weit von den aktuellen Marktpreisen entfernt. Das Umweltbundesamt berechnet einen Wert von mindestens 180€ pro Tonne, andere nehmen Preise von bis zu 260€ an. 

Beispiel Case

Erzeugt also ein typisches Dienstleistungsunternehmen in Deutschland pro Mitarbeiterin 4t CO2-Ausstoß, so sind das bei 10 MitarbeiterInnen 40t CO2. Diese können auf dem Markt mit 400€ (Durchschnitt: 10€ pro t CO2) kompensiert werden. Ein guter Schritt um ein vertrauenswürdiges Projekt zu unterstützen. Die realen Schäden der erzeugten CO2-Emissionen liegen allerdings bei bis zu 10.400€ (260€ p. t CO2). 

Heute reduzieren

Wie können also diese CO2-Schäden nicht als reine Schulden an die nächste Generation übergeben werden? Reduzieren ist DIE Antwort! Jedes Unternehmen kann durch gezielte Maßnahmen in den 7 CLIMATE Kategorien bis zu 50% der CO2-Emissionen (relativ) schnell reduzieren. Dazu gehören besonders Maßnahmen im Bereich Energie, Mobilität und Gebäudemanagement. 
Wer also schon heute die Schuldenlast abbauen und einen Weg in Richtung 2-Grad-Ziel einschlagen will, kommt um CO2-Reduktion nicht herum. 400€ versus 10.400€ sind ein erschreckender Unterschied, der auch durch Kompensationen nicht so einfach behoben werden kann. Besagtes Unternehmen könnte also 400€ für CO2-Kompensation aufwenden, hätte dann allerdings noch bis zu 10.000€ “CO2-Schulden”. Es könnte sich also überlegen in welche Reduktionsmaßnahmen es diese Summe investieren möchte, um langfristig Kosten zu sparen, zukunftsfähig zu sein, Gewinne zu optimieren und das Klima enkeltauglich zu gestalten.

Bild Quellen: Artur Lysyuk, Kelly Sikkema, Aviv Rachmadian und Aviv Rachmadian auf Unsplash.

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