Großkonzerne und Klimaneutralität – Passt das zusammen?

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Klimaschutz, Klimaneutralität und CO2-Reduktion- Diese Begriffe sind heutzutage allgegenwärtig. Nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch im Wirtschaftssektor.

Wir befinden uns im entscheidenden Jahrzehnt, wenn es um die Klimatransformation geht. Das sehen jetzt auch Unternehmen und Großkonzerne. Sie begreifen ihre Verantwortung, setzen sich Klimaziele und wollen einen Beitrag für eine klimaneutrale Zukunft leisten.

Klimaziele über Klimaziele – Wandelt sich etwas?

Wenn es um Klimaziele geht, scheinen sich die Großkonzerne gegenseitig zu übertrumpfen. Immer mehr Unternehmen wollen bis spätestens 2050 klimaneutral sein. Je früher, desto besser!

Der Global Supply Chain Top – 25 Report 2021 von Gartner legt aktuelle Einschätzung von Großkonzernen, wie zB Nestlé, L´oreal, Walmart und Intel dar und gibt Auskunft über die Klimaperformances und Ansatzpunkte für die Klimatransformation der einzelnen Unternehmen. 

Es scheint viel im Wandel zu sein. 

Nestlé beispielsweise zeigte laut Gartner großes Engagement in der Transformation der eigenen Lieferkette und investiert zunehmend in die Reduktion von Verpackungsmüll und die effizientere Produktherstellung. Der Umstieg auf recyceltes Verpackungsmaterial in bestimmte Produkte allein spart mehr als 400 Tonnen Plastikverpackung jährlich.

Intel schnitt in der Studie ebenso gut ab und ist dieses Jahr unter den Supply Chain Top 25 von Gartner. Das Unternehmen arbeitet sehr kund:innenorientiert und punktet mit engen Zulieferant:innen-Beziehungen.

Beide Konzerne sind zwei unter vielen, die sich Klimaziele setzen und nun die ersten Schritte in Richtung klimaneutralem Wirtschaften gehen.

Das kann sich erstmal sehen lassen, oder? Doch was ist zu beachten, wenn wir uns die Entwicklungen in Sachen Klimaschutz bei Großkonzernen ansehen? Wandelt sich wirklich etwas?

Vergleichbare Werte messen – und das entlang der gesamten Lieferkette!

Um einschätzen zu können, wo ein Unternehmen steht, wenn es um Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht, müssen vergleichbare Werte vorliegen. Ein Unternehmen sollte sich fragen: Wie viele CO2e-Emissionen werden bei der Produktion in den eigenen Gebäuden, aber auch entlang der gesamten Wertschöpfungskette tatsächlich ausgestoßen? Nur so kann ein Unternehmen die eigene Klimaperformance realistisch beurteilen.

Hier können wir uns an klimarelevanten Kriterien und bestehenden Standards orientieren. Wie sich die Emissionen von Unternehmen messen lassen, legt das Greenhouse Gas Protocol (GHG) fest. Die Berechnung erfolgt unter Einbeziehung von Scope 1 bis 3. Die Emissionen aus Scope 1 und 2 umfassen die unternehmensinternen ausgestoßenen Emissionen, während Scope 3 die Emissionen der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet. Hier zählen z.B. auch die Nutzungsdauer eines Produkts und die Emissionen während der Nutzung mit hinein.

Dies klingt erstmal einleuchtend. Allerdings wird von verschiedenen Seiten kritisiert, dass das Berechnungsmodell auch einen gewissen Spielraum bietet. Sichtbar wird dies hier: 

Obwohl Volkswagen laut Berechnung mehr CO2e emittiert als BMW (Wirtschaftswoche), wird nach einem Blick auf die Berechnungswege klar, dass VW nicht gezwungenermaßen eine schlechtere Klimaperformance aufweist als BMW. Während BMW bei Scope 3 nur in 6 verschiedene Kategorien unterteilt, misst VW wesentlich strenger und bezieht über 10 Kategorien in die Berechnung mit ein. Der Konzern schneidet auf Papier zwar schlechter ab, ist aber in der Praxis weitaus fortschrittlicher in der Berechnung der eigenen Emissionen.

Hier sieht man also: Wichtig ist es, vergleichbare Werte zu messen. Nur so können wir wirklich einschätzen, ob sich etwas wandelt!

Wir stellen uns hier die Frage: Was ist über die Berechnung der Emissionen hinaus relevant, um eine klimaneutrale Wirtschaft zu schaffen und langfristig CO2e einzusparen? Und das nicht nur in den eigenen vier Wänden eines Unternehmens, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette?

Reduzieren, nicht nur kompensieren – Wie werden Großkonzerne klimaneutral?

Wie wir sehen, ist der Begriff „Klimaneutralität“ sehr dehnbar.

Viele Großkonzerne werben damit, schon klimaneutral zu produzieren. Die Airline Delta verspricht, nicht mehr CO2e auszustoßen, als sie einspart. Deutlich wird direkt, dass die eigenen Emissionen hauptsächlich mit Hilfe von dem Erwerb von CO2e-Zertifikaten kompensiert werden. So geht es auch anderen Unternehmen, die mit einem grünen Image werben und der zunehmenden Nachfrage von Kund:innen nach klimaneutraler Produktion gerecht werden wollen. Dies wird allerdings von verschiedenen Seiten kritisch betrachtet.

Expert:innen aus der Praxis machen uns immer wieder darauf aufmerksam: Die Kompensation von Treibhausgas-Emissionen sorgt zwar dafür, dass die CO2e-Bilanz in der Atmosphäre nicht zunimmt, die Chancen der klimakompatiblen Wirtschaft liegen jedoch in erster Linie in der Reduktion der eigenen Emissionen.

Laut UN sieht das Ziel der Klimaneutralität vor, die eigenen CO2e-Quellen zu erkennen und Emissionen nach und nach zu senken. Die nicht vermeidbaren Emissionen werden erst im zweiten Schritt ausgeglichen. 

Dies machte uns auch Lea Fink, Global Manager von CDP bei einem der Hauptpanels auf dem CLIMATE TRANSFORMATION Summit 2021 bewusst:

“Für uns ist der Net-Zero Punkt eines Unternehmens dann erreicht, wenn erst so viele Emissionen wie möglich reduziert werden und erst darauf folgend die nicht vermeidbaren Emissionen durch Negativ-Emissions-Technologien neutralisiert werden”

Lea Fink, Global Manager von CDP

Investition lohnt sich – Großkonzerne handeln jetzt!

Auch Renat Heuberger von South Pole zeigte uns in dem ersten Hauptpanel beim Summit, dass durch die alleinige Kompensation der eigenen Emissionen enorme Kosten entstehen. Dies wiederum schafft einen Anreiz zum Reduzieren. Heuberger verdeutlicht, dass sich die Investition in die klimakompatible Unternehmenstätigkeit heute enorm lohnt! Großkonzerne schaffen sich dadurch nicht nur die Grundlage für die eigene Zukunft, sondern schützen sich auch vor Kosten, die durch verschärfte Klimaschutzgesetze und den Druck der Politik auf sie zukommt.

“Klimaschutz lohnt sich – Es braucht Milliarden an Investitionen – nicht Kosten – das ist ein massiver Unterschied!  Wir können jetzt Investitionen tätigen, die sich lohnen!”

Renat Heuberger, SouthPole

Wir können festhalten: Großkonzerne tragen Verantwortung und haben die Chance, jetzt einen Unterschied zu machen und eine klimakompatible Wirtschaft zu gestalten. Auf Basis von vergleichbaren Messwerten, die sich an bestehenden Standards orientieren, kann jedes Unternehmen die eigene Klimaauswirkung realistisch einschätzen und erste Schritte in die Klimatransformation gehen! Wie uns deutlich gemacht wurde, ist es hier wichtig, frühzeitig zu investieren und mit Stakeholder:innen zu kooperieren, um entlang der gesamten Wertschöpfungskette CO2e einzusparen. Nur das bewirkt echten Wandel!

Sieh Dir hier das erste Hauptpanel des #CTS2021 an, um detaillierte Einblicke über die spannenden Inhalte und interessanten Diskussionen über Reduktion und Kompensation sowie Investition in klimaschonende Unternehmensstrategie zu erhalten.

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