Auswirkungen von COVID-19 auf nachhaltige Lieferketten

13.08.2021 | Lesedauer: 6 Minuten

Nachhaltige Beschaffung rückt für Unternehmen immer mehr in den Fokus. Zum Einen aufgrund der großen Chancen für die eigene Klimatransformation, da ein Großteil der Treibhausgasemissionen entlang der Lieferkette entsteht. Zum Anderen verpflichten auch politische Vorgaben wie das Sorgfaltspflichtengesetz künftig Unternehmen dazu, die vorgegebenen Sozial- und Umweltstandards entlang der gesamten Lieferkette einzuhalten. All dies kommt zu einer Zeit, da die COVID-19-Pandemie durch unsichere Absatzmengen und Unterbrechungen der Lieferkette mehr Aufmerksamkeit auf die Beschaffung gelenkt hat.

Höchste Zeit also, mehr über die Herausforderungen und Best Practices des nachhaltigen Einkaufs zu entdecken. Hierfür haben wir die Expertin Yvonne Jamal, Vorstandsvorsitzende des JARO Instituts für Nachhaltigkeit und Digitalisierung e. V., als Speakerin zum CHOICE Event #23 eingeladen. Unter dem Motto „Auswirkungen von COVID-19 auf nachhaltige Lieferketten“ sprach sie über die Dekarbonisierung der Wertschöpfungskette und gab konkrete Einblicke in die nachhaltige Beschaffung. Yvonne war selbst viele Jahre im Einkauf tätig und ist nun Mitglied des Advisory Boards bei THE CLIMATE CHOICE.

COVID-19 ZWINGT ZUM RISIKOMANAGEMENT IN DER LIEFERKETTE

Die Pandemie hat Unternehmen und ihrer Beschaffung durch diverse Ausfälle und Störungen der Lieferkette zugesetzt. Laut der Umfrage “Supply Chain Risk Management” sind lediglich “14% der befragten Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten von einer Lieferkettenunterbrechung verschont geblieben“. Während das Problem also die große Mehrheit betrifft, hat nur ein Bruchteil für entsprechende Ausfälle vorgesorgt: „Nur ein Viertel der Befragten hat im Vorfeld Maßnahmen definiert, um auf Schadensereignisse vorbereitet zu sein.” Zudem lässt sich beobachten, dass das Risiko nicht mehr nur von direkten Lieferant:innen, sondern zunehmend auch von Sub-Lieferant:innen (45 %) ausgeht. Dementsprechend wird es unerlässlich, alle Stufen der Lieferkette im Blick zu behalten.

LIEFERKETTENGESETZ VERPFLICHTET ZU NACHHALTIGER BESCHAFFUNG

Die Auswirkungen von COVID-19 auf nachhaltige Lieferketten verbinden sich nun mit dem Anliegen, die Lieferkette umweltschonender und sozialer zu gestalten – nicht zuletzt vorangetrieben durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Es betrifft ab 2023 zunächst Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten und ab 2024 zusätzlich Unternehmen mit über 1000 Arbeitnehmer:innen. Der Einkauf ist dabei explizit im Gesetzestext benannt: „Angemessene Präventionsmaßnahmen im eigenen Geschäftsbereich sind insbesondere die Entwicklung und Implementierung geeigneter Beschaffungsstrategien und Einkaufspraktiken (§7, Abs. 3)”. 

SORGFALTSPFLICHT ALS BASIS

Doch zunächst zu den Grundlagen. Das LkSG basiert auf den drei Säulen der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte:

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

Was müssen Unternehmen nun tun, um ihrer Sorgfaltspflichten gemäß der Säule “Respect” nachzukommen? Hier bieten sich als erste Übersicht die fünf Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten an:

  1. Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte
    Diese sollte von der Geschäftsführung erarbeitet und an sämtliche Mitarbeitenden und Stakeholder:innen (Kund:innen, Lieferant:innen etc.) kommuniziert werden.
  2. Einrichtung eines Verfahrens zur Ermittlung nachteiliger Auswirkungen auf die Menschenrechte
    Das Risikomanagement muss auch die Themen Nachhaltigkeit und Menschenrechte aufnehmen und untersuchen, welche Bereiche des Geschäftsmodells (auch in der Lieferkette) Risiken und negative Auswirkungen hierauf haben könnten. 
  3. Maßnahmen zur Abwendung negativer Auswirkungen und Überprüfung der Maßnahmen
    Hier solltest Du klare Indikatoren festlegen, um die Ergebnisse der Maßnahmen eindeutig messen zu können. 
  4. Transparente Berichterstattung
    Die offene Kommunikation der Ergebnisse ist wichtig, um Verbesserungspotentiale herausfinden zu können.
  5. Einführung eines Beschwerdemechanismus
    Dies solltest Du als positive Möglichkeite betrachten, um von Missständen auch bei Sub-Lieferant:innen zu erfahren und mit entsprechenden Maßnahmen einen positiven Einfluss auf die gesamte Lieferkette auszuüben.

DEKARBONISIERUNG DER LIEFERKETTE

Die kürzlich erschienenen Ergebnisse des IPCC-Berichts 2021 haben nicht zuletzt noch einmal die absolute Dringlichkeit des Klimaschutzes klar herausgestellt. Laut des Insight Reports des World Economic Forum entstehen bis zu 90 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen in den Lieferketten. Hier liegt also immenses Potential zum Erreichen einer klimakompatiblen Wirtschaft.

Um diese Chance auch umzusetzen, fehlt es vielen jedoch am strategischen Überbau. Wo habe ich den größten Hebel? Wo sind meine wesentlichen Handlungsfelder? Was ist eher nebensächlich? Folgende Schritte helfen Dir, diese Fragen zu beantworten und einen nachhaltigen Beschaffungsprozess erfolgreich aufzubauen:

  1. Schaffe die Basis

Hole dir die Unterstützung des Top-Managements und versuche im gesamten Unternehmen Verbündete zu finden. Stell dir die Fragen: Wer könnte mir helfen? Wer sind meine Stakeholder, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens? Besonders der Austausch mit NGOs kann sehr hilfreich sein, da sie viel Know-How besitzen und zumeist global vernetzt sind. Auch mit Hochschulen lassen sich gewinnbringende Kooperationen starten, z. B. in Form von Studienprojekten oder Abschlussarbeiten. Darüber hinaus solltest Du eine Wesentlichkeitsanalyse für sämtliche Warengruppen durchgeführen sowie nachhaltige Beschaffungsziele grundlegend definieren.

  1. Erweitere Deine Beschaffungsprozesse um nachhaltige Aspekte

Wenn diese Basics erst einmal stehen, kannst Du eine nachhaltige Beschaffungsstrategie erarbeiten und ausformulieren. Damit vermeidest du, einfach blind loszulaufen und dich in Einzelmaßnahmen zu verlieren. Auf Grundlage dieses konkreten Projektplans solltest Du daraufhin auch Richtlinien, AEBs und Verträge anpassen. Entwickle auch ein Nachhaltigkeitsprogramm für den Einkauf und achte dabei darauf, dass der gesamte Beschaffungsprozess berücksichtigt wird.

  1. Binde die Lieferkette aktiv ein

Für wirklich nachhaltige Erfolge musst Du aktiv auf Deine Lieferant:innen zugehen und langfristig sowie auf Augenhöhe mit ihnen zusammenarbeiten. Einfach nur Vorgaben nach unten zu diktieren, führt zu keinen guten Ergebnissen. Stattdessen sollte ein beidseitiger Austausch zur gemeinsamen Steigerung der Nachhaltigkeitsleistung stattfinden. Dies kann z. B. im Rahmen von Lieferanten-Tagen oder -Dialogen, aber auch in ganz alltäglichen Kommunikationsabläufen erfolgen. Vergiss dabei die Vorlieferant:innen (Multi-Tier Supplier) nicht und beziehe auch dein eigenes Team z. B. in Form von Workshops in den Wissenstransfer mit ein.

  1. Erfolgskontrolle

Überprüfe die Wirksamkeit der Maßnahmen mit vorab festgelegten Indikatoren. Die Geschäftsführung und eventuelle Investoren müssen transparent über den Fortschritt und Herausforderungen informiert bleiben und wissen, ob die gesetzten Ziele erreicht werden. Hier kann der zuvor erwähnte Beschwerdemechanismus wertvolle Dienste leisten, um eventuelle Korrekturmaßnahmen herauszufinden. Achte auch darauf, dass Du die Ziele stetig steigerst, um dich sowie die Lieferant:innen weiter zu fordern und zu motivieren.

CHOICE Event #24 in voller Länge, mit Yvonne Jamal.

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